Sommer 2011:
Auf geht’s in meine Praxis in der Innenstadt. Mit der Rolltreppe fahre ich in die Hölle der U-Bahn, hinter mir hampelt ein vierjähriger Knabe mit seinem schickem Gipsbein und Roller. Vor mir ein riesiger Kinderwagen mit anhängender Mutter.
Das Kind brüllt „Annae“, die Mutter schreit durch mich hindurch:
“Machst du nix mit Gipsbein. Bleibst du stehen. NEIN. NEIN. Ich sagen, bleibst du jetzt endlich stehen.“
Während der Knabe sein Gipsbein auf das schwarze Gummiförderband des Handgriffs der Rolltreppe abzulegen versucht, rauscht mir sein Roller in die Achillessehne. Autsch. Auf einem Bein balancierend droht der Junge auf der schmalen Rolltreppenstufe sein Gleichgewicht zu verlieren. Die Mutter kreischt hysterisch.
Das Kind schreit:
„Annae, Annae.“ was nach meinem Kenntnisstand der türkischen Sprache soviel wie „Mutter“ heißt. Als hätte seine Platte einen Sprung, wiederholt er seinen Verzweiflungsschrei etliche Male. Bei mir springt jetzt auch was. Ich greife den Lümmel an seinem rechten Arm, kneife meine Augen bedrohlich zusammen und ich zwinge seinen Blick in meinen.
Dann sage ich es:
“ Wenn Du nicht sofort dein Bein wieder da runter nimmst, dann verhaue ich dir den Hintern. Und dann haste Grund zum Schreien.“
Der Kleine sieht mich respektvoll an und wuchtet sein Bein vom Gummihandlauf der Treppe. Mit eisernem Griff halte ich ihn an seinem Arm und schreiend und rangelnd erreichen wir das Ende der Rolltreppe. Die Mutter dankt mir tausend Mal für die Rettung des Gipsbeines, der Kleine streckt mir zum Abschied die Zunge entgegen.
Das greife ich gerne auf und zeige ihm meine Zunge. Wir sind fertig miteinander.
Im Supermarkt bin ich schnell unterwegs, um eine Tüte Milch für meinen notwendigen Morgenkaffee zu kaufen. Mit der Milchtüte unterm Arm in der Kassenschlange wartend, erreicht mich schon wieder Kindergebrüll.
Dieses Mal will ein wohl zweijähriges Kind etwas Süßes. Dann reines Kölsch aus Mutters Mund, ein „Kölsch“ , dem ich nie mehr mächtig sein werde. Die Ausnahme: Es ist gelb und befindet sich in einem Bierglas.
„Ich hab‘ dir jesach, heute jibbet hier nix. Halt endlich dinge Schnüss, sonst knallt et jleich.“
(Freie Übersetzung der Autorin: Würdest du bitte mit dem elenden und vor allem nutzlosen Geschrei aufhören, denn heute werde ich dir hier und jetzt nichts Süßes kaufen. Du weißt, wir haben das schon mehrmals diskutiert. Ich hoffe auf deine Vernunft und deinen Respekt meiner Haltung gegenüber. Andernfalls wäre es unter Umständen möglich, dass meine Finger sich gleich auf deiner Wange wiederfinden. Und das könnte ein bißchen schmerzen.)
Im Gegensatz zu anderen Müttern ist diese Frau pädagogisch konsequent. Heißt doch eine eiserne Erziehungsregel „Drohe nie etwas an, was du nicht durchführen kannst.“ Es macht klatsch und dann schreit es. Mitten ins Gesicht des zweijährigen Mädchens. Ich gehe zu der Frau, die gerade ihr Kind geschlagen hat und es macht „Klatsch“ in das Gesicht der Frau.
Rechte Seite. Fünf Finger. Rot.
Das Kind hört auf zu weinen und lacht. Die Mutter lacht nicht. Sie ist wütend. Ich auch. Wir starren uns an wie Hühner.
Dann zahle ich meine Milch.
Dabei denke ich daran, dass ich vergessen habe, meinem Kater Schulbrote einzupacken und meinem Sohn das Trockenfutter in den Napf zu geben. Mist.












